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Gefördert im Rahmen des Bundesprogramms "TOLERANZ FÖRDERN - KOMPETENZ STÄRKEN!

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Träger: FiPP e.V.

Beginn: 01.01.2008

Ende: 31.07.2008

Der Jüdische Friedhof Berlin-Weißensee – ein Lernort für Berliner SchülerInnen und für junge Gäste in der Hauptstadt

 

Was ist das Ziel unseres Projektes?

SchülerInnen der 9. Jahrgangsstufe der Heinz-Brandt-Oberschule aus Berlin-Weißensee entwickeln in Kooperation mit dem FiPP e.V. - Fortbildungsinstitut für die Pädagogische Praxis, Projekt „Ich bin ein Berliner“, eine Stadtführung auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee als touristisches Angebot für junge Gäste. Dabei eignen sie sich wichtige Schlüsselqualifikationen an: Sie müssen für ihre Präsentation recherchieren, zuverlässig sein, höflich und kompetent auftreten und vor einer unbekannten Gruppe sprechen. Ein wichtiges Ziel ist der Abbau rassistischer und antisemitischer Vorurteile, im Besonderen über den direkten Kontakt mit dem jüdischen Leben in Berlin und über die Führungen für touristische Gruppen. Vorurteile existieren gegenüber „Juden“ und „Ausländern“ und gegenüber allem, was den SchülerInnen „fremd“ ist.

 

Lernen im Stadtraum

Einmal pro Woche findet in der 9. Klasse der Heinz-Brandt-Oberschule der Projektunterricht im Rahmen des Geschichtsunterrichtes statt. Dabei haben sich die SchülerInnen in der ersten Phase des Projektes mit dem Wirtschaftsfaktor Tourismus in Berlin beschäftigt. Sie haben Orte aufgesucht, an denen sich Touristen aufhalten, Gäste über ihre Herkunft, die Aufenthaltsdauer und ihre Freizeitaktivitäten befragt und selbst tourismusspezifische Angebote wie Stadtführungen wahrgenommen. Bei einem Besuch im Hostel „Alcatraz“ im Prenzlauer Berg beispielsweise erklärte ihnen die Geschäftsführerin des Hostels  die Betriebsabläufe und informierte sie über die Gästestruktur. Für uns ein wichtiger Punkt, da die SchülerInnen zukünftig Gästegruppen führen sollen und wir Kooperationspartner für die Etablierung unseres Angebotes suchen. Außerdem haben sie verschiedene Berufe im Tourismus kennengelernt. Im Forum für Berufsbildung hat ihnen eine Mitarbeiterin mögliche Ausbildungsberufe wie Reiseverkehrskauffrau bzw. -mann oder  Hotelkauffrau bzw. -mann erklärt.

 

Wichtig war uns das Lernen außerhalb der Schule, die Konfrontation mit dem Unbekanntem im Berliner Stadtraum sowie der direkte Kontakt mit den Touristen vor Ort.

 

Nach unseren Erkundungen zum Stadttourismus in Berlin wollten wir das touristische Potenzial im Umfeld der Schule, in Berlin-Weißensee näher untersuchen. Dazu haben wir den Stadtbilderklärer Jodock eingeladen, der uns als professioneller Externer die Bedeutung des Jüdischen Friedhofes Weißensee als interessanteste und für den Ortsteil bedeutendste touristische Attraktion aufgezeigt hat. Es ist eine große Herausforderung, an diesem Ort eine Stadtführung zu entwickeln, da bei einigen SchülerInnen antisemitische und rassistische Vorurteile präsent sind. Die SchülerInnen haben an verschiedenen Orten zum jüdischen Leben in Berlin recherchiert. Sie waren beeindruckt  von der Begegnung mit der Zeitzeugin Inge Deutschkron. Auf dem Jüdischen Friedhof entwickelten wir eine Route, die ausgewählte jüdische Persönlichkeiten wie Samuel Fischer, Hermann Tietz, Lina Morgenstern u.a. vorstellt, die für die Berliner Kultur und Wirtschaft von Bedeutung waren und deren Arbeit bis in die Gegenwart wirkt. Ebenso informieren die SchülerInnen über kulturelle Aspekte aus dem Jüdischen Leben wie jüdische Feiertage, Speisegesetze, die Bedeutung wichtiger Symbole. Bilder, Fotos und Gegenstände lockern die Vorträge während der Führung auf.

 

Wie sieht das Angebot im Konkreten aus? Die Führung wird von der gesamten Klasse übernommen. Es gibt acht Stationen, wobei an jeder Station in Zweiergruppen vorgetragen wird. Vor der Führung findet eine kurze Begegnung mit den Gästen in kleinen Gesprächsgruppen statt, anschließend führen die Jugendlichen ihre Gäste über den Friedhof. Den Abschluss der Führung bildet ein gemeinsames Mittagessen. Die Bezahlung dieses Essens übernehmen die Gäste als Honorar für die Jugendlichen.

 

Anfang Juli fand die erste Führung auf dem Jüdischen Friedhof für eine Gruppe von SchülerInnen aus Baden-Württemberg statt. Im Vorfeld übten sie immer wieder Führungs- und Kommunikationstechniken und wir dokumentierten erste Ergebnisse mit einer Kamera, um die Arbeit zu reflektieren und immer wieder zu verbessern. Bei der Generalprobe entstand ein Videofilm über die Führung.

 

Workshops

Während der Projektwoche vor den Osterferien haben sich die SchülerInnen mit dem Thema Kommunikation beschäftigt. Dabei ging es um die Vielfalt an Kommunikationsformen, wie z. B. Wandmalereien in Berlin-Kreuzberg, aber auch um die eigene Kommunikation, das Sprechen vor der Gruppe. Als Ergebnis der Projektwoche haben sie eine Powerpoint-Präsentation erarbeitet. Diese wurde dann am Tag der Präsentation von einigen SchülerInnen der Klasse 9b in der Schule vorgestellt.

Vor den Sommerferien fand ein dreitägiger Theaterworkshop zum Thema „Ich-Identität“ statt, der die Sensibilität der SchülerInnen für sich und andere Menschen stärken sollte. Zugrundegelegt wurden Texte von Lieblingssongs, die von SchülerInnen szenisch ausgestaltet und dargeboten wurden.

 

Unsere erste Bilanz

Insgesamt hat sich das Neugierverhalten der SchülerInnen verändert: Sie lassen sich bereitwilliger auf neue Erfahrungen ein und zeigen mehr Interesse, Neues kennenzulernen. Hinter der anfänglich ablehnenden Haltung gegenüber dem Projekt verstecken sich aus unserer Sicht auch Unsicherheit und Ängste. Der Jüdische Friedhof als Ort für eine Stadtführung ist für die SchülerInnen weiterhin problematisch. Sie haben sich aber auf die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Leben in Berlin eingelassen, indem sie ausgewählte Lebensbiografien recherchiert haben. Zwei Schüler wurden von Seiten der Schule aus dem Projekt ausgeschlossen: Der eine hat ein Hakenkreuz auf einen Grabstein geritzt und der andere ist Mitglied in einer rechtsextremistischen Organisation. Die Gruppe hat sich von diesem  Geschehen distanziert und billigt die Entscheidung der Schulleitung.

Bei drei öffentlichen Auftritten haben die SchülerInnen die Wertschätzung ihres Angebotes durch die Gäste erlebt. Diese positiven Erfahrungen können zur Überwindung von Vorurteilen beitragen.

Projektbeschreibung PDF

Das Projekt konnte auch nach Auslaufen der Förderung durch den Lokalen Aktionsplan Pankow erfolgreich fortgesetzt werden...mehr

 

 

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